Bistum Augsburg stellt Bericht zu Missbrauchsfällen vor

Im katholischen Kinderheim „Josefsheim Reitenbuch“ bei Fischach im Landkreis Augsburg haben zumindest zwei Priester in den 1960er und 70er Jahren mehrere Kinder sexuell missbraucht. Die Opfer waren zwischen zehn und 15 Jahre alt.

Das ist nur ein Ergebnis der „Projektgruppe Aufklärung Josefsheim Reitenbuch“, das an diesem Donnerstag veröffentlicht wurde. Die Projektgruppe Reitenbuch war im Dezember 2019 vom damaligen Diözesanadministrator und heutigen Bischof Dr. Bertram Meier eingesetzt worden, um Missbrauchsvorwürfe in Zusammenhang mit dem Josefsheim Reitenbuch aufzuklären. Die Projektgruppe hat zusätzlich auch Missbrauchsfälle im Marienheim Baschenegg dokumentiert. Beide Heime befinden sich in Trägerschaft der Christlichen Kinder- und Jugendhilfe e.V. (CKJ).

Neben den oben genannten Fällen ist es laut dem Abschlussbericht in Reitenbuch wie auch in Baschenegg zu weiteren Fällen strafbarer sexueller Gewalt gekommen, nicht allerdings durch Geistliche, sondern durch im Heim Beschäftigte sowie durch ältere und einen ehemaligen Heimbewohner, der in der Nachbarschaft eines der Heime lebte.

Im Marienheim Baschenegg kam es nach Erkenntnissen der Projektgruppe Reitenbuch bis in das Jahr 2004 hinein zu körperlicher, psychischer und sozialer Gewaltanwendung durch Ordensschwestern, insbesondere durch zwei Gruppenleiterinnen. Körperliche Gewaltanwendung dokumentiert die Projektgruppe auch für das Josefsheim Reitenbuch, hier vor allem durch die bis 1972 verantwortliche Heimleiterin und vier als Erzieherinnen tätige Ordensschwestern.

Elisabeth Mette stellt Erkenntnisse vor, die sich im Abschlussbericht wiederfinden.
Dass den Kindern und Jugendlichen so lange ungeahndet Gewalt angetan werden konnte, begründet der Abschlussbericht mit verschiedenen Faktoren. Elisabeth Mette, ehemalige Präsidentin des Bayerischen Landessozialgerichts und Leiterin der Projektgruppe Reitenbuch: „Gewachsene Strukturen wurden jahrzehntelang nicht überprüft. Die Zuständigkeit für die Hausgeistlichen und damit auch die Prüfung ihrer Eignung war nicht klar, die Ordensschwestern, die keinen geregelten Freizeitanspruch hatten, waren in den lange Zeit völlig überbelegten Heimen überfordert, wirtschaftliche Erwägungen standen im Vordergrund – systemische Gründe wie diese haben den Missbrauch möglich gemacht.“

Bischof Bertram Meier, der den Abschlussbericht aus den Händen von Elisabeth Mette entgegennahm, dankte besonders den Frauen und Männern, die als Kinder in einem der beiden Heime Zeugen bzw. Opfer der Gewaltakte geworden waren und jetzt mit ihren Schilderungen gegenüber den Mitgliedern der Projektgruppe Reitenbuch „einen wesentlichen Beitrag zur Aufklärung und Aufarbeitung“ geleistet hätten: „Es ist wohl kaum vorstellbar, welche Mühe und welche Überwindung es gekostet haben mag, diese dunklen Schatten wieder ans Licht zu bringen. Ich bin Ihnen dafür sehr dankbar, denn nur wer sich der Vergangenheit stellt, kann die Gegenwart meistern und präventiv für die Zukunft wirken.“

In ihren Empfehlungen zur Prävention legt die Projektgruppe Reitenbuch unter anderem nahe, unabhängige externe Anlaufstellen für von sexueller Gewalt betroffene Kinder zu etablieren, die Verantwortlichkeiten von Trägerverein, Geschäftsleitung und Heimleitung zu klären und das nichtpädagogische Personal in den Heimen auch im Hinblick auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung auszuwählen und zu kontrollieren. In Bezug auf die Aufarbeitung empfiehlt die Projektgruppe unter anderem ein Schuldeingeständnis der Dillinger Franziskanerinnen und des Trägervereins CKJ sowie die Bereitschaft zu finanziellen Leistungen in Anerkennung des Leids.

 

9. September 2021